Um größere Märkte in verdichteten Stadtteilen bauen zu können, steigen Discounter wie Aldi und Lidl zunehmend in den Wohnungsbau ein. Neben dem Bezirk Eimsbüttel, der bereits eine „Discounter-Strategie“ formuliert hat, verknüpfen auch andere Bezirke die Genehmigung von Märkten mit dem Bau von Wohnungen.

Mehr Licht, mehr Design und mehr Platz – so stellt Aldi Nord 2012 einen grundlegend neuen Baukörpertyp für seine Märkte vor. „Sagen Sie mir mal, wo in Hamburg man den genehmigt bekommt“, erklärt jedoch ein leitender Aldi-Mitarbeiter im Raum Hamburg. Denn auch der neue Typ ist weiterhin eingeschossig und von ein paar tausend Quadratmeter Parkplatz umgeben.
Raum, der nicht nur in Hamburg zunehmend teuer ist. Und selbst, wenn Aldi oder Lidl auf eigenen Grundstücken Märkte vergrößern wollen, sehen sie sich zunehmend mit Forderungen aus Politik und Verwaltung konfrontiert, Wohnraum zu schaffen, um ihren Teil zur Entspannung der zuzugsbedingten Wohnraumnachfrage beizutragen.

Discounter-Strategie in Eimsbüttel

So folgt der Bezirk Eimsbüttel einer Discounter-Strategie, die jeden Bauantrag einer Handelskette mit konkreten Wohnungsbauforderungen verknüpft. So plant Aldi Wohnungsbau bei der Modernisierung oder dem Neubau der Standorte Bismarckstraße, Eidelstedt Weg, Osterfeldstraße, Oldesloher Straße und Randstraße. Weitere Projekte sind in Lokstedt und Niendorf geplant.
Nun ist es nicht neu, dass Projektentwickler für die Erdgeschosszonen Einzelhandelsmieter suchen – entsprechend den Vorgaben des B-Plans. Neu ist, dass Discounter, wie Aldi und Lidl, selbst als Entwickler in den Wohnungsbau einsteigen.

Potenzial für 800 Wohnungen in Altona

Auch in Altona setzt die Politik auf das Wohnraumpotenzial der Discounterstandorte. So hat Frank Conrad, der im Bezirk Altona das Fachamt Stadt- und Landschaftsplanung leitet, 16 Standorte von Discountern identifiziert, an denen nach seinen Berechnungen 77.000 m2 BGF entstehen könnten, die Raum für 800 Wohnungen bieten. Dazu gehören die Standorte Luruper Hauptstraße, wo im Kontext eines Aldi-Neubaus 186 Wohnungen geplant sind, sowie Sülldorfer Landstraße, wo im Ensemble mit einem neuen Lidl-Markt der Neubau des Hamburger Konservatoriums, 80 Wohnungen, 20 Studentenapartments und eine Kita errichtet werden sollen – allerdings nicht von Lidl selbst.
Wie das aussehen kann, wenn die Discounter selbst bauen, zeigen die beiden von Aldi bereits realisierten Konzepte in der Holstenstraße (30 Wohnungen) und der Bahrenfelder Straße (28 Wohnungen). „Da sind wir als Discounter plötzlich dort, wo die Menschen sind“, so der Aldi-Manager. „Für urbane Standorte in dichten Stadtteilen muss eine moderne Expansionsstrategie Konzepte mit Wohnungen, aber ohne oder mit wenigen Stellplätzen enthalten.“

Überwältigendes Feedback

Anfang des Jahres hatte Aldi Nord in Berlin ein Programm vorgestellt, mit dem an 30 Standorten über 2.000 Wohnungen entstehen sollen – immer im Kontext mit dem Neubau oder der Erweiterung des Marktes auf das aktuelle 1.200 bis 1.500 m2 Verkaufsfläche umfassende Format. Das Echo auf diese Ankündigung sei überwältigend gewesen, erklärt der Aldi-Insider – und es gebe innerhalb des Konzerns noch keine abschließende Entscheidung, welche Konsequenzen für das Geschäftsmodell sich daraus ergeben. Denn auch aus kleineren Städten kommen Anfragen nach mehrgeschossigen Konzepten, um die politische Durchsetzbarkeit vor Ort zu vereinfachen.
Will Aldi künftig einen signifikanten Anteil seines Umsatzes aus der Vermietung von Wohnungen erzielen? „Kommt drauf an, wen man fragt. Die Immobilienleute wollen Immobilien mit nachhaltigem Cash-flow bauen. Für die Vertriebler sind die Stockwerke über dem Markt nur lästig und stören das eigentliche Geschäftsmodell.“
Für Claas Kießling ist klar: „Es ist für die Discounter eher ein Zwangsthema, um ihr Geschäftsmodell in die Zukunft zu führen.“ Projektentwicklung und Verwaltung werden bis dato nicht extern vergeben. „Die haben in ihrer Historie immer alles alleine gemacht.“